Sex in the City: Sara Guadagnini im Interview

Sara Guadagnini hat am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu „Lesbischer Raumproduktion“ geforscht. Dabei spielte Sex im öffentlichen Raum eine ganz besondere Rolle. Ein Gespräch über Empowerment, Sichtbarkeit und Begehren.

Lesbische Raumproduktion – das klingt erstmal sehr abstrakt. Was genau verstehst du darunter?

Für meine Arbeit habe ich mich vor allem an Henri Lefebvres Konzept von Raum orientiert. Er geht davon aus, dass Raum nicht einfach so existiert, sondern gemacht wird – und zwar, indem wir ihn immer wieder produzieren. Lesben haben oft wenig Kapital zur Verfügung. Uns fehlt nicht nur ökonomisches, sondern auch symbolisches Kapital: Ich gehe durch Berlin und sehe viel schwule, aber sehr wenig lesbische Kultur. Wie kann dieser lesbische Raum ohne Kapital produziert werden? Nur durch Erleben.

Was macht einen lesbischen Ort für dich aus?

Das ist ein Ort, wo ich so sein kann, wie ich bin. Wo ich nicht in Frage gestellt werde. Ein Ort, an dem ich mich nicht outen muss.

Wie kann lesbischer Sex in der Öffentlichkeit Raum schaffen?

Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ist das ja ein Mythos: lesbischer Sex. Auch in der Szene wird sehr wenig darüber gesprochen. Mir war es wichtig, dass es um Sex geht, der nicht im Privaten stattfindet. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem und öffentlich gelebtem Raum macht einen gravierenden Unterschied, weil die Gefahren, die auftreten können, ganz andere sind. Den öffentlich gelebten Raum mit einzubeziehen macht auch deswegen Sinn, weil es für Lesben in Berlin nur wenige physische Räume gibt. Das SchwuZ zum Beispiel ist kein lesbischer, sondern ein schwuler Raum. Wenn ich auf dem Klo dort Sex habe, dann eigne ich mir diesen Raum an. Es geht auch darum: Wie verändert der Akt des Sex mein Verhältnis zum Raum?

Welche Erfahrungen haben die von dir befragten Frauen mit öffentlichem Sex gemacht?

Die positive Erfahrung war, sich etwas herauszunehmen, was man als Frau, und gerade als Lesbe nicht gewohnt ist. Einfach zu sagen: Das ist hier mein Raum und ich mache hier, was ich will. Das war auf jeden Fall für viele ein empowernder Moment. Negative Erfahrungen gab es durchweg nur mit Cis-Männern, die in irgendeiner Form übergriffig waren. Übergriffe oder die Angst davor sind ja immer ein Thema. Aber das andere, die Lust, hat in dem Moment überwogen. Das haben sie als schönes Gefühl beschrieben.

Lesbe – das ist eine Vielfalt von Selbstentwürfen, von Lebensentwürfen. Was bedeutet der Begriff für dich?

Mir war es ganz wichtig, in meiner Arbeit von Lesben und von Frauen zu sprechen. Lesbisch – das ist für mich die Art zu leben, bei der ich mich ganz unabhängig von Männern machen kann.

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Foto: Sara Guadagnini                     (©Sara Guadagnini)

In meinem privaten Umfeld muss ich nichts mit Männern zu tun haben, ich muss mich nicht für einen Mann schön machen, ich muss mich nicht nach männlichem Begehren ausrichten. Ich persönlich finde es schade, wenn sich immer mehr Leute von dem Wort „Lesbe“ distanzieren, auch von dem Begriff „Frau“. Je mehr Menschen sich von dem Wort „Frau“ abwenden und das „sie“-Pronomen ablehnen, desto mehr mangelt es auch an Vorbildern und an unterschiedlichen Formen, wie Weiblichkeit gelebt werden kann. Gleichzeitig wünsche ich mir ein erweitertes Verständnis von „lesbisch sein“, in dem z.B. lesbische Trans*Frauen nicht hinterfragt werden. „Queer“ hatte für mich persönlich nie das Potenzial wie „lesbisch“. In der Kategorie „queer“ finde ich mich nicht ausreichend wieder. Ich bin lesbisch, ich bin Butch – das ist für mich empowernd, das finde ich sehr radikal.

Zwischen queeren Utopien und lesbischer Identitätspolitik – schauen wir dabei zu sehr auf die Unterschiede? Gibt es da nicht auch Potenzial für gemeinsame Räume?

Die politische Queer-Szene ist sehr jung, meist weiß und vor allem akademisch geprägt. Ich finde, sie müsste an Zugänglichkeiten arbeiten. Wenn du in dieser Szene einen Fehler machst, bist du sehr schnell raus. Fehler passieren, über Fehler muss man reden können, sonst kann sich nichts verändern. Ältere Feministinnen/Lesben haben schon einen Groll gegen Queers, das ist mein Eindruck. Aber auch sie müssen bereit sein, einen Schritt auf die Queer-Szene zuzugehen und verstehen, dass dort wichtige Arbeit geleistet wird. Gegenseitige Anerkennung, gegenseitiger Respekt und einfach: miteinander reden!

Was könnten Queers von älteren Lesben lernen und umgekehrt?

Ältere Lesben haben viel geleistet, viel für uns erkämpft. Sie waren und sind zum Teil sehr gut vernetzt, schon lange vor Social Media. Davon kann man lernen. Und Queerness ist für viele Leute sehr empowerned, für die der Begriff „lesbisch“ zu eng gefasst ist oder einfach nicht zutrifft.

Wie können Lesben noch sichtbarer werden?

Dass über lesbische Sichtbarkeit diskutiert wird, ist der erste Schritt. Aber natürlich hätte ich gerne die gute alte Lesbenbar zurück. Wir können lesbische Räume schaffen, in Kontakt miteinander treten, Bars besetzen. Daraus könnten wir alle sehr viel Kraft ziehen. Klar ist so etwas auch mit Gefahren verbunden, aber etwas mehr Konfrontation schadet nicht. Wir müssen wieder mutiger werden!

 

der zaunfink

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