1919 – Das Jahr der Frauen?

Die Jahreschronik als Verkaufsschlager – mit  „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies ist dieses Subgenre des historischen Sachbuchs populär geworden. Ob „Schöne Tage. 1914, Vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges“ von Gerhard Jelinek oder Wolfgang Martynkewicz` „1920: Am Nullpunkt des Sinns“ –  sie alle nehmen die Ereignisse eines Jahres in den Blick. Dabei folgt „1919. Das Jahr der Frauen“ der Schriftstellerin Unda Hörner Illies` erzählerischer Blaupause am entschiedensten. Jedes Kapitel umfasst einen Monat, in dem Privates wie Berufliches der zeitgenössischen Polit- und Kulturprominenz nacherzählt wird.

Zwischen Zusammenbruch und Neuanfang

Kampf – das Leitmotiv in der Gründungsphase der ersten deutschen Demokratie. „Ein einig Vaterland sieht anders aus.“ bilanziert Hörner knapp.

Buchcover

Buchcover: „1919. Das Jahr der Frauen“, Foto: Privat

Erleichterung und Lebensfreude, Tod und Trauer, innenpolitische Grabenkämpfe und außenpolitische Isolation bestimmten das Lebensgefühl im ersten Nachkriegsjahr. Und es war auch ein Kampf um Emanzipation. Frauen hatten sich das aktive und passive Wahlrecht erstritten, sie konnten studieren, sich weiterbilden und berufstätig sein. Die Ehe beruhe „auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter“, hieß es in der Weimarer Reichsverfassung. Doch außerhalb der ehelichen Gemeinschaft stand die Frau noch immer allein da. Bei einer Schwangerschaft galt sie nach wie vor als „Gefallene“ ohne Zukunftschancen.

Frauenleben

In den Lebensgeschichten der Frauen, die im Buch porträtiert werden, spiegeln sich die Verwerfungen der Zeit. In kurzen biografischen Skizzen werden Käthe Kollwitz, Hannah Höch, Marie Curie, Alma Mahler-Gropius, Sylvia Beach, Else Lasker-Schüler, Coco Chanel und Rosa Luxemburg den Leser*innen vorgestellt; sie sind die Hauptfiguren des Buches. Einflussreiche Frauen wie Clara Zetkin, Marie Juchaz, Anita Augspurg oder Adrienne Monnier werden sporadisch erwähnt, allerdings spielen sie keine tragende Rolle. Da Hörner sich im Wesentlichen auf die prominentesten Vertreter*innen der zeitgenössischen Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik konzentriert, sind viele der nacherzählten Ereignisse altbekannt: Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Käthe Kollwitz` Trauer um ihren gefallenen Sohn, die Liebesverwirrungen von Alma Mahler-Gropius, Hannah Höch und Coco Chanel, die Rastlosigkeit der Else Lasker-Schüler, die Pariser Zeit von Sylvia Beach, Marie Curie im Labor. So sind es vor allem die Anekdoten und Entwicklungen abseits der ausgetretenen Pfade, die das Buch zu einer interessanten Lektüre machen. Man erfährt beispielsweise, dass auf den bayerischen Musterhof des lesbischen Paares Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann mehrfach Brandstiftungen verübt wurden, dass Käthe Kollwitz mit dem Professorinnen-Titel haderte und Gunta Stölzl am Bauhaus in Weimar zunächst nur widerwillig die Weberei erlernte.

VIPs

Jubiläen sind ein dankbarer Anlass für die Publikation unterhaltsamer Sachbücher, wie beispielsweise die Fülle an Literatur zum Lutherjahr 2017 oder zum Fontanejahr 2019 aufzeigt. „Für die Frauen, die ich porträtiert habe, ist das Jahr 1919 ein Meilenstein in der persönlichen Geschichte.“, betont Hörner in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Beitragsfoto - Kopie

Streetart von marycula, Foto: Privat

Als erzählerische Strategie ist der Fokus auf die Ausnahmepersönlichkeiten legitim. Aber eine „Zeitreise ins Jahr 1919“, wie es der Klappentext suggeriert, kann mit dieser Verengung des Blicks nicht gelingen. Zumal es einige Ungenauigkeiten gibt:  Laut Hörner wurde z.B. das berühmte Züricher Cabaret Voltaire von Richard Huelsenbeck, Hugo Ball und Tristan Tzara gegründet. Dabei spielten sowohl Sophie Taeuber-Arp als auch Emmy Hennings dabei eine tragende Rolle. In einem Buch, das sich den Errungenschaften weiblicher Kulturschaffender widmet, ist das ein Fauxpas.

Dada und der Bierbauch

Hannah Höchs ikonische Collage „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ bringt die Widersprüche und Tendenzen der Zeit auf den Punkt, da sind sich die Autor*innen Unda Hörner und Wolfgang Martynkewicz einig. Während Hörner den Herstellungsprozess des Kunstwerkes imaginiert – „Da fehlt doch noch was, überlegt Hannah Höch am Basteltisch.“ – liefert Martynkewicz in „1920. Am Nullpunkt des Sinns“ eine knappe Analyse des Bildes. So weist er daraufhin, dass ausschließlich Männerköpfe auf Frauenkörper montiert sind und deutet dies als Darstellung einer patriarchalen Gesellschaft, deren „Bierbauchkultur“ zunehmend in die Kritik gerät. Auch wenn Hörner die misogynen Anteile im Denken vieler prominenter Dadaisten wie Hannah Höchs Liebhaber Raul Hausmann aufzeigt, fehlt ihrem Buch dieser präzise Blick, die Genauigkeit der Beobachtung. „1919. Das Jahr der Frauen“ soll seine Leser*innen in erster Linie unterhalten.

Bilanz: Das Ding ist diesmal nix geworden,/ Prozente: Null. Der Stand des Ladens: flau […]“, urteilt Kurt Tucholsky rückblickend über das Jahr nach dem Ersten Weltkrieg. Mit diesem auch noch fehlerhaft zitierten* Gedicht eines Mannes, dessen Verhältnis zu Frauen man wohlwollend als ambivalent bezeichnen kann, lässt Hörner ihren Text enden – eine zweifelhafte Entscheidung der Autorin. Bilanz des Buches: flau.

 

* Im Originaltext von Kurt Tucholsky heißt es „Stand des Ladens“. Unda Hörner zitiert dagegen fehlerhaft „Stand des Lebens“.

 

der zaunfink

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