Talking Heads. Die Graphic Novel „Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings“

Eine „DADA-Dame“ war sie nicht. Vom Elend, auf der Straße zu leben und sich aus Not prostituieren zu müssen – davon konnte sie ein Lied singen. Oder zwei. Denn ihre Heimat war die Bühne, und eine Bühne sollte sie schließlich berühmt machen: die des Züricher „Cabaret Voltaire“, dem legendären Geburtsort des Dadaismus. Emmy Ball-Hennings zeigte Performance-Kunst und schrieb Confessional Poetry, lange bevor es diese Begriffe überhaupt gab. „Oh, wie krass und grell bin ich!“, bekannte sie in ihrem Text „Das Brandmal. Ein Tagebuch“, dessen Erscheinen 1920 als Skandal galt. „Alles ist DADA“ heißt folgerichtig die Graphic Novel von Fernando González Viñas (Text) und José Lázaro (Zeichnungen), die ihren stürmischen Lebensweg nachzeichnet.

(Sehn-) Sucht

Das Buch beginnt und endet mit dem Tod. Bei der Beerdigung ihres Vaters entscheidet sich die 16-Jährige für den unsicheren und damals noch anrüchigen Beruf der Schauspielerin.

„Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings“, Titelbild, Foto: Privat

Mit ihrem eigenen Begräbnis schließt die Graphic Novel – dazwischen liegen fast fünf Jahrzehnte voller Sensationen. In acht Kapiteln führt die Ich-Erzählerin Emmy Ball-Hennings die Leser*innen durch die Stationen ihrer Beziehungen, ihrer Süchte und ihrer Karriere. Dabei folgt der Autor* Fernando González Viñas chronologisch den Stationen ihrer Biografie – eine konventionelle Erzählweise, die nicht ganz zu der wilden Künstler*in passen will. Es reiht sich Begegnung an Begegnung; Dichter*innen, Politiker*innen, Künstler*innen – ein Gutteil der europäischen Avantgarde hüpft durchs Bild und nicht selten in ihr Bett. Ähnlich dem Fernseh-Format der „sprechenden Köpfe“ dürfen berühmte Zeitgenoss*innen im Gespräch mit Ball-Hennings Tiefsinniges äußern; einen nachhaltigen Eindruck auf die Protagonist*in wie auf die Leser*innen machen sie in der Regel nicht. Zwar beweist die Aneinanderreihung prominenter Köpfe Ball-Hennings Status als Kulturschaffende und Geliebte, jedoch spielen zahlreiche Personen im weiteren Verlauf der Geschichte überhaupt keine Rolle mehr. Diese Namedropping ermüdet auf Dauer. Nur ihr langjähriger Partner Hugo Ball wird als komplexer Charakter ausgestaltet.

Authentizität vs. Kreativität?

Der Wiedererkennungwert als eine Bildstrategie: José Lázaro nutzt häufig bekannte Porträtfotografien als Vorlage für seine Zeichnungen. Der Wunsch nach einer möglichst authentischen Widergabe der Personen entspricht der akkuraten biografischen Annäherung an die Künstler*in, die hier versucht wird.

„Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings“, Seite 112-113, Foto: Privat

Dennoch schleicht sich nach einer Weile das Gefühl ein, allzu viele dieser Bilder schon einmal gesehen zu haben. Und so ist auch der Einsatz von Bildzitaten wie Klimts „Der Kuss“ oder Munchs „Der Schrei“ mehr Reproduktion als kreative Aneignung. Besonders auffällig ist dies in den Szenen von Sucht und Rausch – für zahllose Künstler*innen bieten diese Themen einen willkommenen Anlass, von konventionellen Mal- und Zeichenstilen abzuweichen und neue Bildwelten zu schaffen. Emmy Ball-Hennings Delirien jedoch werden von außen betrachtet, ihrer Wahrnehmung entspringt keine eigene visuelle Sprache. Zwischen der Perspektive des Textes und des Bildes klafft eine Lücke. Denn es ist Ball-Hennings Stimme, die – zum Teil in direkten Zitaten aus ihren Werken – zu den Leser*innen spricht. Einmal erscheint sie ihnen sogar ganz buchstäblich, als Engel vor drei lesenden Gestalten. Ob geflügelte Imagination ihrer selbst oder Grabskulpturen – die Figur des Engels ist ein Leitmotiv des Buches. Der himmlischen und allzu irdischen Sphäre zugleich angehörend, als eine Bot*in der Kunst, so wird die Künstler*in hier charakterisiert. Ein Echo alter Klischees.

Cabaret

In „DIE DADA. Wie Frauen Dada prägten“ schreibt die Kulturwissenschaftler*in und Publizist*in Ina Boesch, dass im „Cabaret Voltaire“ nicht zwischen Hoch- und Populärkultur unterschieden wurde: „So wurde die Welt zum Cabaret und das Cabaret zur Welt.“ Zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit changiert auch das Medium der Graphic Novel. Damit eignet es sich im Grunde hervorragend, Emmy Ball-Hennings Zartheit, ihre anarchische Wucht, die vielen Facetten ihrer Persönlichkeit und ihrer Kunst abzubilden. Ein wenig mehr Inspiration von den Dadaist*innen hätte man Viñas und Lázaro dringend gewünscht. „Alles ist Dada“ ist leider viel konventioneller geraten als sein Sujet:  Zu viel Welt, zu wenig Cabaret.

 

 

 

 

 

„Alles ist Dada“ wurde von André Höchemer aus dem Spanischen übersetzt.

 

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