„Girlsplaining“ – Pretty in Pink?

Seit einiger Zeit haben feministische Themen wieder Hochkonjunktur. Auch in der Comicszene ist man darauf aufmerksam geworden, im deutschsprachigen Raum allerdings zögerlicher als anderswo. Während beispielsweise die Schwedin Liv Strömquist bereits 2014 mit ihrem Band „Der Ursprung der Welt“ für Furore sorgte (2017 auf Deutsch veröffentlicht), schaffte es erst 2018 ein feministisches Comic von einer deutschsprachigen Autorin auf den Markt: „Girlsplaining“ von Katja Klengel. Grundlage des Buches ist eine Comic-Kolumne, die die 30-jährige Zeichnerin und Drehbuchautorin Klengel für das Online-Magazin Broadly verfasst hat. Die Kapitel 1 bis 6 basieren auf eben jener Kolumne, lediglich das 7. Kapitel wurde der Buchausgabe exklusiv hinzugefügt.

Der Titel „Girlsplaining“ spielt auf den vor allem im englischsprachigen Raum weit verbreiteten Ausdruck des „Mansplaining“ an. Er beschreibt einen Mann, der seinem Gegenüber (in der Regel einer Frau) auf anmaßende Art und Weise etwas zu erklären versucht – und das, obwohl er zumeist über keine umfassenden Kenntnisse zum Thema verfügt. Welche Frau kennt das nicht?! Katja Klengel dreht in ihrem Comic den Spieß um: Nun ist sie es, die ein paar Dinge aus Frauenperspektive erklärt – und zwar ohne dabei ständig unterbrochen zu werden.

Mondprinzessin ganz in Rosa

Der Comicband kommt in einem handlichen quadratischen Format daher. Jedes Panel (d.h. jedes Einzelbild in einer Sequenz) füllt eine ganze Buchseite, die einzigen Farbakzente setzt Katja Klengel durch verschiedene Rosatöne. Aber werden durch diese Farbgebung nicht erneut Geschlechterklischees reproduziert? Zumal die Farbe Rosa von Klengel nicht ironisch eingesetzt wird.

Cover: Girlsplaining

Cover: Girlsplaining

Besonders positiv fällt dagegen der feine, mit Bleistift ausgeführte Zeichenstil ins Auge. Er erinnert an japanische Mangas, die laut eigener Aussage zu den großen Leidenschaften der Autorin zählen. Umso weniger überrascht es, dass eine der zentralen Figuren Sailor Moon ist. Auch dieser Mondprinzessin ist es zu verdanken, dass sich Mangas und Animes in Europa stark ausgebreitet haben. Zwar verwendet Klengel Referenzen wie Sailor Moon, Buffy und andere weibliche (Serien-) Figuren, um sich mit feministischen Perspektiven auseinanderzusetzen, doch verlässt sie dabei nicht die autobiographische Ebene. Im Zentrum des Comics stehen die Zeit des Erwachsenwerdens und ihre sich verändernden Wahrnehmungen zum Frauenbild.

Good Hair versus Bad Hair?

Dem Thema Behaarung bei Frauen widmet die Autorin ein eigenes Kapitel. Angefangen von der Grundschule bis ins Erwachsenenalter – Haare bei Frauen sind Dauerthema. Man kann sich vorstellen, unter welchem Druck gerade Mädchen und junge Frauen heute stehen, die eben nicht der Vorstellung von einer völlig glattrasierten Frau entsprechen – Natur hin oder her. Eines Tages aber begegnet der Erzählerin ein wundersamer „Geist der verrosteten Rasierklingen“. In Gestalt einer Frau mit behaarten Beinen und zartrosafarbener Wallemähne zeigt ihr der Geist, wie wunderbar ihr Leben sein könnte, wenn sie sich nicht durch andere Menschen so stark in ihrem Selbstbild beeinflussen lassen würde. Kurz gesagt: „My Body, my Business!“ Ein deutliches Plädoyer für Body Positivity.

Die Wunder des weiblichen Körpers

Mit ihrem Körper setzt Klengel sich auch im Kapitel „Viva la Vulva“ auseinander. Sie geht der Frage nach, warum es uns so schwerfällt, über weibliche Genitalien und Lust zu reden. Um das Schweigen zu durchbrechen, tritt die Erzählerin in den Dialog mit ihrem selbst ernannten „Untenrum“. Über Regelschmerzen und Menstruationsblut bis hin zur Schambehaarung – all das Unausgesprochene wird nun offengelegt, ebenso wie die damit verbundenen Ängste und Vorurteile.

In der folgenden Episode beschreibt Klengel, wie sie als junges Mädchen ihre Klitoris und die Wunder des Orgasmus entdeckte – nicht zuletzt dank eines stark vibrierenden Handys… Doch mehr als der 1. Sex im Alter von 15 Jahren, der vor allem eine bittere und schmerzvolle Erfahrung war, ist ihr der 1. Orgasmus im Gedächtnis geblieben. In einem kurzen Exkurs klärt Klengel über die Unterscheidung zischen Vagina und Vulva auf. Nicht zuletzt das Wissen über ihren eigenen Körper führt sie schließlich zu einem selbstbestimmteren und entspannteren Sexleben. Frau sollte also auch beim Sex mehr an sich denken, denn der Orgasmus ist kein exklusives Vorrecht für Männer, so könnte das Fazit dieses Kapitels lauten.

Wo sind die Heldinnen geblieben?

Auf der Suche nach Heldinnen stößt Klengel bei der Recherche im beinahe allwissenden Wikipedia schnell an Grenzen: Nur eine Handvoll Frauen schafft es in den ehrenvollen Kreis der „Helden“, darunter Jeanne d‘Arc und Mulan. Aber wo sind all die anderen starken Frauen in der Geschichte geblieben? Warum werden sie uns noch immer vorenthalten? Warum werden sie nicht erinnert, zum Beispiel in Museen, Geschichtsbüchern, in der Literatur, in der Musik usw.? Obwohl die Autorin das Problem erkennt, findet sie selbst den Begriff der Heldin heute überholt. Vielmehr wünscht sie sich eine Gemeinschaft, in der jede/r auf die/den andere/n achtet. Aber ist das nicht eine naive Weltsicht? Brauchen wir nicht neue Heldinnen und neue Vorbilder – weiblich, feministisch, lesbisch, queer – gerade in einer Zeit von AfD-Wahlerfolgen und Wutbürgern, in der ein Backlash auch im Hinblick auf Frauenrechte wieder möglich erscheint?

Ein Buch mit Signalwirkung?

Trotz allem ist Katja Klengels Comic ein wichtiges Werk für die deutsche Comicszene, die sich zunehmend auch feministischen Fragestellungen öffnet – parallel zum demokratischen Teil unserer Gesellschaft. „Girlsplaining“ liest sich über weite Strecken sehr unterhaltsam, es klärt auf ohne zu belehren und hinterfragt Geschlechterklischees. Allerdings liefert es dabei kaum neue Sichtweisen auf die bekannten Diskussionen. Auch wirken die zahlreichen Referenzen an die Heldinnen und Vorbilder aus Klengels Jugend in den 1990er Jahren recht altmodisch an. Welche Jugendliche kennt heute noch Prinzessin Fantaghiro oder Carrie Bradshaw? Gerade dieser Aspekt ist bedauerlich, richtet sich Klengel mit ihrem Buch vor allem an Mädchen und junge Frauen. Erwachsenen Leserinnen mögen sich die Referenzen zwar erschließen, aber einigen von ihnen dürfte das Buch zu wenig Tiefgang bieten. An vielen Stellen kratzen die kurzen, episodisch erzählten Kapitel nur an der Oberfläche. Das ist vermutlich dem Format der Online-Kolumne geschuldet, auf der das Buch basiert. Aber was im Internet kurzweilig und gut lesbar ist, funktioniert eben nicht zwingend im Buchformat. Dass feministische Themen verstärkt Eingang finden in verschiedene Medien, ist jedenfalls sehr zu begrüßen. Das ist eine Chance auch für den deutschsprachigen Comic.

 

Stefanie Neumeister ist Historikerin und LSBTIQ*-Aktivistin aus Berlin. Außerdem ist sie seit langem passionierte Comic-Leserin.

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